DGhk Rheinland-Pfalz / Saarland

 

Fallbeispiele


Thomas

Brief einer Mutter an die Grundschullehrerin ihres Sohnes:

"Liebe Frau Müller,
vielen Dank für Ihre Mitteilung bezüglich des Elterngesprächs. Ich freue mich sehr darüber, dass Sie sich Zeit für ein längeres Gespräch mit mir nehmen, da auch mir einiges auf dem Herzen liegt. Vor allem natürlich der von Ihnen bereits erwähnte Leistungsvorsprung, der auch mir nicht verborgen blieb und bleibt, und über den ich mir auch bereits Gedanken gemacht habe.
[…] daher möchte ich einige Gedanken und Informationen vorab schon einmal zu Papier bringen. Ich beschreibe Ihnen auch einmal die Entwicklung von Thomas, vielleicht hilft Ihnen dies vorab auch ein wenig weiter.
Thomas forderte mich vom Babyalter an sehr. Er war ein Schreibaby, beanspruchte mich daher rund um die Uhr und brauchte immer sehr viel Körperkontakt und Aufmerksamkeit. Als er anfing zu greifen, ließ er sich immer nur kurze Zeit von einer Sache fesseln und verlangte schnell wieder nach Abwechslung. Dieses Verhalten setzte sich fort, er konnte sich nur schwer und selten alleine beschäftigen und hat stattdessen immer nach „Input“ verlangt, d.h. er wollte immer wieder etwas anderes sehen, fühlen und (be-)greifen. Auch heute noch spielt er selten alleine. Dass er mich wochentags in Beschlag nimmt, ist aus meiner Sicht allerdings mehr als verständlich aufgrund der Tatsache, dass ich ihm – bedingt durch meine Berufstätigkeit – an den Wochentagen ja erst ab nachmittags zur Verfügung stehe.
Mit dem Erlernen des Sprechens begann er, mich noch mehr zu fordern. Sein Mund stand selten still, und seit er Sätze formulieren konnte, wurde der Fragenkatalog morgens nach dem Aufwachen geöffnet und erst mit dem Schlafengehen wieder zugeklappt. Im Alter von drei bis vier Jahren fing er an, sich für spezielle Dinge zu interessieren. Das erste große Thema waren für ihn die Verkehrsschilder. Bei jedem Schild, an dem wir vorbei fuhren, fragte er mich, was dieses Schild bedeute. Natürlich erklärte ich es ihm jedes Mal geduldig, und nach zwei bis drei Wochen kannte er die Bedeutung der gängigen Verkehrsschilder. Parallel hierzu fing auch die Neugier für Zahlen und Buchstaben an, mit vier Jahren ermahnte er mich, wenn ich auf der Autobahn schneller fuhr, als die Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder erlaubten.
Er hörte nicht auf, Fragen zu stellen: „Wie viel ist Zahl xx plus Zahl xx?“, „Was ist das für ein Buchstabe?“, „Wie wird der Buchstabe ausgesprochen?“, „Was heißt dieses Wort?“ etc. Auf diese Weise lernte er den Umgang mit Zahlen und brachte sich selbst das Lesen bei. Anfang des Jahres erzählte mir eine Erzieherin im Kindergarten, Thomas könne bereits flüssiger lesen als die Kinder der dritten Klasse, die zum Vorlesen in den Kindergarten kämen.
Mit vier oder knapp fünf Jahren stellte er mir beim morgendlichen Spaziergang eine Frage, die mich ebenfalls verblüffte. Er sah Mond und Sonne gleichzeitig am Himmel stehen und fragte mich: „Mama, was passiert eigentlich, wenn der Mond vor die Sonne wandert?“
Auch heute staune immer wieder, welche gedanklichen Sprünge Thomas mit seinen sechs Jahren vollzieht, und vor allem seine Rechenleistungen machen mich immer wieder fassungslos. Am Samstag sah er auf meinem Kilometerzähler die Zahl „4561“, die er zum Spaß mit 2 multiplizierte und binnen einer Minute auf das richtige Ergebnis kam. Das Ergebnis multiplizierte er erneut mit 2 und lag mit dem neuen Ergebnis nur knapp daneben. Und angesichts der Tatsache, dass meines Wissens in der ersten Klasse im Zahlenbereich bis 20 gerechnet wird, gibt mir dies natürlich zu denken.
Ich hätte Ihnen all dies am liebsten schon vor der Einschulung erzählt, jedoch hatte ich die Befürchtung, es könne der Eindruck einer „überehrgeizigen Mutter“ entstehen, die ihr Kind in den Vordergrund drängen, es künstlich „drillen“ und sich mit ihm profilieren will.
Dies alles liegt mir fern – im Gegenteil, ich habe mir oft gewünscht, ein „normales“ Kind zu haben, da meine Situation sowieso schon nicht so einfach ist (alleinerziehend und berufstätig) und Thomas mich nicht nur mit seinem Wissensdrang, sondern auch durch seinen Sturkopf und seine Trotzigkeit sehr fordert. Trotzdem habe ich mir natürlich immer sehr viel Mühe gegeben, seinen Wissensdurst zu stillen und mit Liebe, aber Bestimmtheit seinen Trotzkopf zu zügeln.
Ersteres habe ich, so denke ich, ganz gut hinbekommen, mit Letzterem kämpfe ich noch, und ich warte ängstlich-gespannt darauf, was Sie mir über Thomas Verhalten in der Schule erzählen werden…
Die Erzieherin im Kindergarten berichtete damals, dass Thomas schon im Kindergarten ein paar Probleme mit den anderen Kindern hatte, weil er sowohl gedanklich als auch in seiner verbalen Ausdrucksfähigkeit bereits einen großen Schritt weiter war und es somit oft schlichtweg zu Verständigungsproblemen kam.
Natürlich mache ich mir nicht erst neuerdings Gedanken um all diese Dinge. Die Probleme mit anderen Kindern fielen mir im Kindergarten allein dadurch auf, dass nur selten Anfragen zum Spielen kamen, und auch die Einladungen zu Kindergeburtstagen waren nur sehr, sehr selten. Ich wurde von Zeit zu Zeit auch selbst aktiv und habe andere Kinder/Mütter gefragt, ob sie nicht mal zum Spielen kommen wollten, jedoch ist es dann meist bei einem Mal geblieben und es kam nie eine Einladung von der anderen Seite.
Die Tatsache, dass Thomas offensichtlich nicht gerade beliebt ist, tut mir natürlich wahnsinnig leid für ihn, aber ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich ihm hierbei helfen könnte.
Bereits vor ca. einem Jahr habe ich zur „Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind“ Kontakt aufgenommen, weil schon damals abzusehen war, dass Thomas in der ersten Klasse unterfordert sein würde. Die Beraterin bestätigte mir damals meine Befürchtung, dass man mit dem Wort „hochbegabt“ in der Öffentlichkeit sorgsam umgehen sollte, da sehr viele Menschen ganz empfindlich darauf reagieren würden, und ich selbst finde dieses Wort auch ganz schrecklich, weil ich finde, dass jedes Kind auf seine Weise und in seinen Bereichen „hochbegabt“ ist. Ich hatte sie damals weiterhin zur Einschulung befragt, und sie sagte, ich solle es erst einmal ganz ruhig und entspannt angehen lassen, wohl aber im Vorfeld das Gespräch mit der Lehrerin suchen – was ich ja beim Tag der offenen Tür ja auch getan hatte, und ich war sehr froh, als Sie mir sagten, Sie würden solche Kinder dann mit Sonderaufgaben fordern und fördern.
Ich besuchte mit Thomas die Spielenachmittage der DGhK und suchte bei dieser Gelegenheit auch das Gespräch mit dieser Beraterin. Ich beschrieb ihr die Situation und die Fähigkeiten von Thomas, auch die Tatsache, dass er – wie ich von anderen Kindern gehört habe – sehr häufig einfach die Antworten in die Klasse hineinruft, obwohl er gar nicht an der Reihe ist, mit Kommentaren wie „das ist ja baby-einfach!“.
Aus meinen Beschreibungen heraus bestätigte die Beraterin meine eigene Vermutung, dass man evtl. über die Option nachdenken solle, Thomas in die zweite Klasse zu versetzen.
Andererseits gibt mir auch die Tatsache zu denken, dass Thomas ja bereits jetzt in der ersten Klasse der Jüngste ist, da er schon ein paar Tage vor seinem sechsten Geburtstag eingeschult wurde.
Aber zu all dem möchte ich natürlich auch sehr gerne Ihre Meinung hören – wie Sie Thomas sehen und erleben, denn Sie können es in Bezug auf das Schulische einfach am besten beurteilen, außerdem haben Sie die entsprechende langjährige Erfahrung.
Von der Beraterin der DGhK möchte ich Ihnen gerne weitergeben, dass sie gerne für ein Gespräch zur Verfügung steht, falls Sie Fragen zur Förderung, Beschäftigung, Integrierung, Sonderaufgaben etc. für solche Kinder haben.
Mit freundlichen Grüßen [...]"



Lilly

Lillys Mutter berichtet:

"Unsere Tochter Lilly möchte aktuell gerne am Entdeckertag teilnehmen, weil sie sehr gute Erfahrungen im NAT-Lab der Uni Mainz gemacht hat und hofft, dass ihr der Entdeckertag ähnlich gut gefällt.
Lilly wurde letztes Jahr mit dem HAWIK-IV getestet und erreichte ein Ergebnis von 138 IQ.
Einen ersten externen Hinweis darauf, dass unsere Zweitgeborene im Verhältnis zu ihren Altersgenossen ziemlich schlau sein könnte, ergab ein Entwicklungsgespräch mit einer Erzieherin im Kindergarten, als sie zwei Jahre alt war.
Lilly war damals ihren Altersgenossen um ca. zwei Jahre voraus. Sie war enorm wendig, pfiffig, wissbegierig, bastelte spontan aus Leim und Papier vom Fotoapparat über Häuser bis hin zu Brücken alles was ihr einfiel, fragte mit vier Jahren nach den Grenzen des Weltalls und ob Gott eventuell dahinter sein könnte und logischerweise das Weltall dann doch nicht wirklich unendlich sein könnte, oder?! Als Germanistin fiel mir bei Lilly die korrekte Verwendung von Konjunktiv I und II mit knapp zwei Jahren auf.
Wir dachten über eine objektive Skalierung ihrer kognitiven Fähigkeiten und eventuelle Konsequenzen lange nicht weiter nach, obwohl uns die erste Grundschullehrerin im ersten Schuljahr sogar auf den Entdeckertag hinwies.
Lilly beherrschte vor der Einschulung im Prinzip das Lesen und Schreiben in Druckschrift, die Grundrechenarten im 100er-Raum und das Wurzelziehen bei einigen Zahlen.
Wir haben da ehrlich gesagt ziemlich geschlampt, denn es gab jahrelang verschiedenste familiäre Probleme zu lösen und wir waren einfach erleichtert, dass es keine Schulprobleme zu geben schien. Den Konnex zum Begriff „Hochbegabung“ im Hinblick auf unsere Tochter haben wir konkret im Sommer 2010 hergestellt.
Meine erste Begegnung mit Lillys besonderer Persönlichkeit fand statt, als sie drei Monate alt war:
Baby Lilly lag eines Sommertages auf dem Rücken im Wohnzimmer unter einem sogenannten Spieltrainer, einer Art Reck mit einigen herab hängenden bunten Figürchen, die durch zufällig treffende Fußstöße angeschubst werden können.
Irgendwann hielt das übliche rhythmische niedlich-leise Rascheln ungerichteter Arm- und Beinbewegungen an. Es entstand gleichsam mit der Stille um das Baby herum eine völlig unerwartbare, neue Stimmung hoher Anspannung und geballter Konzentration, die mich aufmerken ließen. Mit aller habhaften inneren Kraft bündelte das Baby sein Können, fixierte die Reihe der Figürchen, bewegt langsam und gezielt einen Fuß und tritt gegen eine der Figuren. Die Figur pendelt, kommt zur Ruhe. Pause. Noch einmal das Gleiche: Baby bewegt mit schierem Willen einen Fuß, berührt eine Figur. Die Figur pendelt. Kommt zur Ruhe. Ein drittes und letztes Mal (hierfür reichten Wille und Konzentration gerade so hin!) wiederholte sich dies. Längere Pause. 60+ cm entspannten sich, legten die Gliedmaßen entschieden nieder…
Man konnte den jetzt fast scharf geschnittenen winzigen Zügen in dem kleinen Gesicht Lillys jetzt förmlich die Befriedigung darüber ansehen, Ursache und Wirkung von Stoß und Figurenpendeln erkannt zu haben, einen ungeheuren und neuen Willen mit Erfolg in die gezielte Bewegung gegeben zu haben, sich den Körper (vielleicht wirklich zum ersten Mal?) zu eigen gemacht zu haben, desweiteren sogar seine Hypothese über Ursache und Wirkung überprüft und bestätigt haben zu können. Entspannter Stolz, heitere klare Selbstgewissheit standen im Raum um das kleine sommerliche Lebensereignis, das vielleicht 20 Minuten dauerte.
Es schien mir in den daraufolgenden Monaten, als habe sich Lilly häufiger ihren jeweils nächsten Programmpunkt in der frühkindlichen Entwicklung quasi „bewusst“ vorgenommen; wenn ein anvisierter Entwicklungsschritt je geschafft worden war, wurde es mit der gleichen scharfen und deutlichen Befriedigung quittiert, bis hin zum freien Laufen und dem Beginn der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit.
Lilly hat mittlerweile viele unterschiedliche Interessensgebiete:
Sprache und Sprachstruktur, insbesondere Chinesisch (Chinesisch zu lernen war Lillys ureigener Wunsch), NAT-LAB, beim Musizieren neben dem Spielen vor allem die Analyse der Notensysteme für verschiedene Instrumente (Geige, Flöte, Cello), Überblick über Regeln und Punktestände bei z. B. Ballsportarten in der Schule, choreografische Zusammenhänge beim Capoeira, Mathe interessiert immer sofort dann, wenn die ältere Schwester Neuigkeiten vorstellt.
Was die Schule betrifft und wie Lilly sich dort fühlt: Lernen und Lehrerin sind prima, die großen Pausen weniger, weil zunehmend spürbar die sogenannte „beste Freundin“ fehlt. Dieser Aspekt spricht das zunehmend problematischer werdene Manko an, in ihrer angestammten (schulischen) Umgebung keine gleichaltrigen Kameraden auf Augenhöhe finden zu können. Ihre Schulkameraden reagieren gleichgültig bis ablehnend.
Wir Eltern beobachten mit großer Sorge den Beginn einer langsamen Abwärtsspirale, denn Lilly reagiert zunehmend harsch und unverhältnismäßig brüsk auf allgemeines Unverständnis und ihr entgegen gebrachte Ablehnungssignale, die sich bei den anderen Kindern wiederum zunehmend verfestigen.
Lilly kann jedoch sehr gut mit aufgeschlossenen Erwachsenen, sie genießt z. B. den Chinesisch-Einzelunterricht. Es gab auch schon die Äußerung seitens Erwachsener, man vergäße zuweilen ihr „biologisches“ Alter, wenn man mit ihr spräche, die Diskrepanz zwischen Alter und angewendetem Wortschatz und vorgebrachten Argumenten ist deutlich. Auch mit den Geschwistern kommt sie gut klar."



(Die Namen der beteiligten Personen wurden aus Datenschutzgründen geändert.)