DGhk Rheinland-Pfalz / Saarland

 

Texte, die nachdenklich stimmen


"Kinder müssen wählen können, wo und mit wem sie ihre Neugier, ihre Intelligenz, ihre Emotionen einsetzen: um die unerschöpflichen Möglichkeiten der Hände, der Augen und der Ohren, der Formen, Materialien, Töne und Farben zu erspüren, sich bewusst zu machen, wie der Verstand, das Denken und die Phantasie ständig Verbindungen zwischen einzelnen Dingen herstellen und die Welt in Bewegung und Aufruhr versetzen."

Loris Malaguzzi, Verstorbener Leiter des reggianischen Kindergartenmodells in Norditalien

 

Die Schule der Tiere

"Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere eine Schule. Der Unterricht bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen, und alle Tiere wurden in allen Fächern unterrichtet.
Die Ente war gut im Schwimmen, besser sogar als der Lehrer. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Fach so schlechte Noten hatte, musste sie nachsitzen und den Schwimmunterricht ausfallen lassen, um das Rennen zu üben. Das tat sie so lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittliche Noten waren aber akzeptabel, darum machte sich niemand Gedanken darum, außer: die Ente.
Der Adler wurde als Problemschüler angesehen und unnachgiebig und streng gemaßregelt, da er, obwohl er in der Kletterklasse alle anderen darin schlug, darauf bestand, seine eigene Methode anzuwenden.
Das Kaninchen war anfänglich im Laufen an der Spitze der Klasse, aber es bekam einen Nervenzusammenbruch und musste von der Schule abgehen wegen des vielen Nachhilfeunterrichts im Schwimmen.
Das Eichhörnchen war Klassenbester im Klettern, aber sein Fluglehrer ließ ihn seine Flugstunden am Boden beginnen, anstatt vom Baumwipfel herunter. Es bekam Muskelkater durch Überanstrengung bei den Startübungen und immer mehr „Dreien“ im Klettern und „Fünfen“ im Rennen.
Die mit Sinn fürs Praktische begabten Präriehunde gaben ihre Jungen zum Dachs in die Lehre, als die Schulbehörde es ablehnte, Buddeln in den Unterricht aufzunehmen.
Am Ende des Jahres hielt ein anormaler Aal, der gut schwimmen und etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als Schulbester die Schlussansprache."


Entnommen dem Buch: „Legasthenie muss kein Schicksal sein“ von E.-M. Soremba; Lehrerin; Herder Verlag 1995



Vom Leben in der Schule oder: Der Weg der Schafherde zum Gipfel

"Der Schäfer treibt seine Schafherde den Berg hinauf, oben zum Gipfel, wo die saftigen, wohlschmeckenden Kräuter wachsen. Der Weg dorthin ist mühsam. Alle Schafe haben den gleichen Weg vor sich, der Hirte, so er erfahren ist, leitet sie, passt auf sie auf und führt sie zum Ziel. So ist es gedacht. Doch längst nicht alle Schafe kommen unbeschadet oben an, um sich an den Kräutern zu laben. Manche sind zu schwach und können der Herde nicht folgen. Andere sind übermütig und kommen im tückischen Hochgebirge ums Leben. Wieder andere sind schlichtweg zu faul. Genügsam begnügen sie sich mit dem Grase am Fuße des Berges, und auch wenn sie niemals in die Genüsse der Kräuter oben am Gipfel kommen werden, ist es ihnen die ersparte Mühe allemal wert. Neben denen, die den Gipfel aus unterschiedlichsten Gründen nie erreichen werden, gibt es noch die Mehrzahl der Schafe, die früher oder später ihr Ziel erreichen. Da gibt es besonders schwache Schafe, die es dank der Hilfe des Hirten und der Herde mit letzter Kraft auf den Gipfel schaffen. Andere Schafe sind sehr leichtsinnig und bringen mitunter die ganze Herde in Gefahr. Und neben all den Kleingruppen“ – so die Worte der hoch begabten Sechstklässlerin – „gibt es natürlich noch die große Zahl an Schafen, denen man die allgemeine Mittelmäßigkeit in allen Charaktereigenschaften als einzige Charaktereigenschaft zuordnen kann.“ 

Und dann berichtet die Schülerin von einigen wenigen Schafen, die den üblichen Rahmen sprengen – offensichtlich hoch begabte Schafe. Ich zitiere: »Aber in jeder Herde gibt es auch einige wenige, oft ist es nur ein einzelner, selten einmal zwei oder gar drei, die sehr kräftig und ausdauernd sind. Sie besitzen so viel Kraft, dass sie der Herde vorauseilen, gelockt von den saftigen Kräutern, die auf sie warten. Diese Schafe sprühen nur so vor Tatendrang und können es kaum erwarten, endlich ans Ziel zu kommen. Sie sind wachsam und umsichtig, so dass sie große Teile des Weges auch alleine meistern könnten. Doch die meisten Hirten erkennen dies nicht. Sie müssen ihre Herde beisammen halten, damit kein Schaf verloren geht, schließlich sollen am Ende möglichst alle Schafe auf dem Gipfel ankommen. Verärgert halten sie die Ausreißer zurück, häufig strafen und triezen sie die Tunichtgute unter dem schadenfrohen Grinsen der übrigen Schafe. Diese wenigen Schafe versuchen immer wieder auszureißen, ihren Fähigkeiten freien Lauf zu lassen, die Leckereien auf dem Weg zu genießen, doch eben so oft werden sie gebremst, gezügelt und gemaßregelt. Mit der Zeit verlieren sie ihre ehemals unbändige Sehnsucht nach den leckeren Kräutern auf dem Gipfel. Wozu denn eigentlich überhaupt noch weiterlaufen, fragt sich mancher von ihnen und bleibt einfach stehen, wo er ist. Doch die meisten dieser außergewöhnlichen Schafe laufen gleichgültig mit der Herde mit, auch wenn die Vorfreude auf den Gipfel sich längst in Luft aufgelöst hat. 

Sehr wenige, besonders Glückliche, schaffen es, sich loszureißen, auszubüchsen und den Weg zu den Kräutern alleine zu finden. Doch man hört auch von einzelnen Schafen, die ihren Kampf um ihren verzweifelten und immer wieder gebremsten Drang, im eigenen Tempo den Gipfel zu erreichen, völlig aufgeben. Während alle anderen Schafe wohlbehalten oben angekommen sind, zufrieden an den Kräutern nagen und sich nun ins Leben stürzen, ist den außergewöhnlichen Schafen, von denen gerade die Rede war, dieses Glück nicht vergönnt. Sie waren es, die sich am meisten nach den Kräutern gesehnt hatten und die weit vor allen anderen den Gipfel hätten erreichen können, doch ihr Hunger wurde gezähmt, wurde so lange verwehrt, dass die Kräuter nun bitter schmecken. Gewiss, auch sie haben den Gipfel erreicht wie die vielen anderen, doch von ihrem ehemaligen Tatendrang, ihrer überschäumenden Kraft und ihrem unbändigen Forschergeist ist längst nichts mehr übrig geblieben und dass, obwohl doch gerade sie den Gipfel so sehnlichst erreichen wollten."


Von einer hochbegabte Schülerin (damals sechste Klasse).

Durch diese Geschichte wurde ihr damaliger Deutschlehrer auf ihre Situation und ihre besonderen Fähigkeiten aufmerksam.
Entnommen dem Buch 
"Begabtenförderung - ganz praktisch" (S.14f.) von Ingvelde Scholz; Vandenhoeck & Ruprecht 2014